Work-Life-Balance auf See (Teil 2)

Work-Life-Balance auf See (Teil 2)

Ja, der Wind kommt wieder. Motor aus, Segel wieder raus. 60 Grad am Wind, bitte so bleiben! Die letzten Meilen bis zur Traveeinfahrt in Travemünde werden abgespult. Übrigens: die schwedische Yacht, die eine halbe Meile voraus war, haben wir kassiert! Fischereihafen, fest um 17.15 Uhr. Nun ist es Zeit für einen Landgang.

Morgens unterm Sonnensegel frühstücken, Klönschnack mit dem Skipper aus Rostock, der mit seiner Frau auf Urlaubstörn in der Lübecker Bucht ist. Und, die „Peter Pan“, „Finntrader“ und so fort laufen wieder aus. Die morgentliche maritime Stimmung in Travemünde ist von Ruhe, Gelassenheit, Entspannung und Zufriedenheit geprägt. Die Yachties sitzen draußen auf ihren Schiffen und lassen den Tag Tag sein. Ich nehme mir heute den Psychothriller „Erlöse mich“ von Michael Robotham vor. Hängematte aufgespannt und schmökern.

Ein sommerlicher Saísonbeginn und ein sommerlich heißer Ausklang Ende August. In Travemünde, Grömitz und Fehmarn. Heute wäre ich lieber auf Grönland! Jedoch soll sich dort die letzten Jahre das Wetter auch signifikant geändert haben. Dreißig Grad ist die absolute Schmerzgrenze. Alles was darüber ist, muss ich nicht mehr haben. Da wirst du gelähmt. Kein Lüftchen, oder nur ein laues! An Land und auf dem Wasser auch tote Hose. Die Menschen haben sich alle verkrochen! Das Leben steht hitzebedingt still hier in Travemünde. Im Schiff 29 Grad, draußen nahezu 35 Grad! Gut, dass ich nicht noch die Trave hoch bis Lübeck geschippert bin. Hoffen wir auf morgen, das Thermometer soll um mindestens zehn Grad fallen. Eine Klimaanlage an Bord wäre jetzt optimal. Eventuell später einmal, wenn es ins Mittelmeer geht. Im Sommer, von Mai bis August in Nordeuropa, ab September auf „Überwinterungstörn“ in den Süden. Die diesbezüglichen Planungen laufenh bereits auf Hochtouren! Nordspanien, Portugal, Madeira, die Azoren eignen sich hervorragend dazu. Oder in mein Traumrevier in Europa nach Griechenland. In den Gedanken spielen natürlich auch die Kanarischen Inseln eine Rolle. Wir werden sehen…

17.00 Uhr, das Leben kehrt zurück. Jetzt aber zum Abend und nachts alle Luken auf – Frischluft! Der Wind dreht auf nördliche Richtung, es kühlt sich etwas ab. Zumindest wird es erträglicher.

Jetzt mal eine kurze Geschichte aus der letzten Nacht. Saufen oder zivilisierter ausgedrückt, eine gemütliche Runde unter Männern hat manchmal seine Vorzüge. Zum richtigen Zeitpunkt ein Besäufnis auf dem Schiff vor uns. 23.00 Uhr, ich liege seit eineinhalb Stunden in der Koje. Träume ich oder klaut einer die Ocean Spirit. Eine Lautstärke draußen. Getrampel an Bord. Stimmen! Luke auf und Panik! Ein Uraltdampfer aus Wilhelmshaven voll auf Kollisionskurs. Manövrierunfähig, Motorschaden und nur drei Personen an Bord. Die Saufkumpanen vom Nachbarschiff haben alle Mühe, unsere beiden Schiffe zu schützen. Fender, Festmacherleinen, Muskelkraft. Nichts passiert. Schlimmer als ein Albtraum! Ich kann nichts mehr machen. Die Lage hat sich entspannt. Entschuldigen sich noch, dass sie ohne Anklopfen an Bord gesprungen sind. Alles gut, vielen Dank und gute Nacht. Das ging nochmal gut. Beim Wiedereinschlafen höre ich, dass der Skipper die Maschinen wohl wieder zum Laufen gebracht hat. Am nächsten Morgen vermelden die „Buschtrommeln“, dass die Dieselleitung verstopft war. Das wäre ein kapitaler Schaden gewesen aber, Ende gut, alles gut!

Sonnige Grüße von Bord

HJR

2016-11-08T11:04:35+00:008. November 2016|