Urlaubs-/Sommertörn 2016 – Teil 1 (Start: Travemünde)

Urlaubs-/Sommertörn 2016 – Teil 1 (Start: Travemünde)

Für den Urlaub wird gebunkert. Wochenende für Wochenende ist der Kofferraum voll. 100 Liter Mineralwasser in Flaschen, O-Saft, A-Saft, Mehl, Zucker, Frischmilch, H-Milch, die Einkaufsliste endet nicht. Hefe zum Backen, Backzutaten allgemein, „Geheimnisse“ aus Nicole´s Koch- und Backbuch; der Kühlschrank quillt über. Mann oh Mann, wir sind in Europa, in Deutschland und wollen nicht in den Dschungel. Die Einkaufsmöglichkeiten in Schweden, auf Bornholm und Polen sind ebenfalls optimal. Wir können jederzeit nachkaufen. Nein, Fleisch- und Wurstwaren müssen auch noch mit. Vakuumverpackt und ab in die Kühl-/Gefrierbox. Uns geht es jedoch nicht allein so. Die Stegnachbarn bunkern ebenfalls. Dass Schiffs-Haushaltsgeld bleibt im Lande im Umlauf! So erhöhen wir ein wenig die Bruttoinlandsquote!

Immer schön zu beobachten ist es, wenn Ehepaare und Familien das Schiff voll laden. Alles wohl durchdacht, eine gute Mischung aus allem. Bei reinen Männercrews wird auch gebunkert. Fast ausschließlich „Flüssignahrung“! Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel! Jezt aber genug gebunkert. Das Schiff liegt gut im Wasser. Jetzt noch ausgehfein machen. Sprich, das Teakdeck muss noch geschrubbt werden. Skippers Lieblingsbeschäftigung auf Knien bürstend. Ein-/zwei Mal pro Jahr muss das sein. Schweinearbeit, aber danach sieht es wieder wie neu aus. Wurzelbürsten unterschiedlichster Größen und Härten, biologische Schmierrseife und los geht es. Knapp acht Stunden Arbeit. Natürlich altersgerecht mit Pausen. Und in diesem Jahr bei 30 Grad! Die Sonne brennt vom Himmel, der Schweiß rinnt, die Motivation steigt ins Unermessliche. Fehlt nur noch konstantes Sommerwetter ohne Gewitter und Starkregen. Das Wetter jedoch ignoriert individuelle Wünsche. 3.30 Uhr in der Früh, segeln am Steg. Die Welt geht unter. Und die Prognosen für den Starttermin am Samstag fallen auch düster aus. Der erste Urlaubstag fällt sprichwörtlich ins Wasser. Temperatursturz von 30 Grad auf unter 20 Grad. Regen, Gewitter, Regen, Gewitter, mit kleinen Pausen den gesamten Tag.

Ich sitze im Cockpit und schaue stundenlang aufs Wasser, hänge meinen Gedanken nach, beobachte das Schauspiel der Möwen, Bleßhühner, Enten und Schwäne auf der Trave. Begattungsrituale auf dem Wasser und an Land, Techtelmechtel auf den Pollern, Futterneid auf den Stegen – wie menschlich Tiere sein können. Die nächste Front zieht heran. Da kommt mir so ein Gedanke. Die vielen Häfen in Travemünde sind voll von Yachten, Schiffen, Booten, liegen brav und gut vertäut. Keine Bewegung. Dienen als Wochenenddomizil auf dem Wasser. 20 bis 30 Prozent Nutzungsdauer im Jahr. 100 Prozent Ausgaben per anno. Verrückt, oder? Betriebswirtschaftlich nicht rechenbar. Viele ältere Eigner (50/60+) verweilen mit ihren PartnerInnen an Bord. Einfach so. Nehmen an den Wochenenden lange Anfahrtswege, Staus auf den Autobahnen et cetera in Kauf, nur um auf und am Wasser zu sein. Dann im Sommer zwei, drei, in Ausnahmefällen vier Wochen Urlaub am Stück, dazu noch die langen Wochenenden im Mai/Juni, an den Feiertagen. Eventuell ergänzend einige Tage als reine Männercrew unterwegs.

Anders sieht es bei den Ruheständlern aus. Viele, die wir bis heute getroffen haben nehmen sich drei, vier oder bis zu fünf, sechs Monate Zeit, um auf der gesamten Ostsee unterwegs zu sein. Klappern sämtliche Hafenfeste ab, segeln, motoren zu entlegenen Zielen oder nutzen als Motorbootfahrer auch die Kanäle und das Binnenrevier als Kombination.

Vor Jahren haben wir in Kroatien ein österreichisches Segler-Ehepaar kennenlernen dürfen. Seinerzeit auch Eigner einer Sunbeam, die zum Verkauf stand. Ich fragte nach dem Grund der Veräußerung. Er antwortete sehr weise: „Wir sind jetzt 85 Jahre alt. Die schönste Zeit unseres Lebens haben wir 30 Jahre auf dem Schiff im gesamten Mittelmeer ganzjährig verbracht. Nun ist es gesundheitlich und körperlich an der Zeit, diesen Lebensabschnitt zu beenden. Die Vernunft muss siegen!“ Meine Hochachtung. Das ist/war ein Lebensabend!

Bei dem Schietwetter hat auch die Alexander von Humboldt II ihren Ankerplatz nördlich der Travetonne verlassen und legt gerade in Travemünde am Ostpreussenkai an. Ist denen wohl auch zu ungemütlich geworden!? Trave Traffic auf Kanal 13, die Funke ist den gesamten Tag an. Es gibt immer etwas mitzuhören.

Tablet, Funkgerät, Schreibblock, Schreiblaune, positive Stimmung trotz Regen, Bleistift, funktionierende Synapsen, Familie an Bord, der Alltag weit weg, das Leben kann wundervoll sein.

Meine Gratulation geht heute nach England. Die Briten haben sich, wenn auch knapp, der Autonomie zugesprochen. Haben für den Ausschluss aus der EU gestimmt. Da bin ich mal gespannt, wie es weiter geht. Ich prophezeihe, weitere Länder folgen zukünftig dem Beispiel. Wir leben im Wandel der Zeit. Es passiert noch etwas. Die Entwicklung der kleinen Schritte ist mit dem Brexit eingeläutet worden.

Die „Solong“ läuft ein. Ein kleiner Carrier, eingetragen auf Madeira, geht nach Lübeck. Die Farewell läuft aus. Das Seebestattungsschiff geleitet die Urne hinaus auf´s Meer. Viele Bestattungsfahrten verlaufen ohne Angehörige. Einsamkeit in unserer Gesellschaft wird groß geschrieben. Was für ein Leben sich wohl hinter den Verstorbenen befunden hat?

Die Schwalben sind auch schon aufgewacht. Fliegen gerade so über der Wasserlinie. 9.30 Uhr, Trave Traffic mit der obligatorisch stündlichen Revier-Lagemeldung. Charlie der Schwan ist auch im Anmarsch. Er holt sich immer ein kleines „Frühstück“. Ruhig ist es an diesem Morgen. Einige Fischkutter kommen rein. Die Möwen kreisen und warten auf kleine Happen. Die Priwall-Fähren sich auch fleißig. Hin und her, her und hin – im Gleichklang. Die „Peter Pan“ verläßt Travemünde in Richtung Schweden. Das ältere Ehepaar aus Hamburg auf ihrer Motoryacht nebenan ist redselig. Sie müssen zurück nach Hamburg; Arzttermine. Krebs-Nachkontrolle. 80 Jahre Leben hinter sich. Alles erlebt und gesehen. Hoffentlich bleiben den Beiden noch einige gemeinsame Jahre. Tschüss und alles Gute. Auf das Wiedersehen verzichte ich.

Bevor wir starten noch kurz ein Abschieds-Small-Talk mit dem Hafenmeister, der sich auch noch artig für den Ocean Spirit Erdbeerkuchen von Nicole bedankt. Auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr. Er hält uns einen Platz frei! Wunderbar! Ein herzliches Dankeschön vom Skipper für´s Aufpassen. Wir kommen bestimmt wieder.

Nun aber los. Denkste! Regen, Regen, zur Abwechslung Gewitter, es blitzt und donnert. Nachts taghell, morgens Weltuntergangsstimmung. Wie das Wetter so die Stimmung an Bord. Das kann nur noch besser werden. Warten wir auf den Sonntag, der seinem Namen, gemäß Wetterprognose, alle Ehre machen möchte.

Übrigens für alle Nichtsegler und Neugierigen, wie sieht der normale Familien-Bordalltag auf einer Segelyacht aus? Stinknormal, langweilig, routiniert, wie zu Hause. Der einzige positive Unterschied ist, dass der Mensch mit viel weniger Platz auskommen kann. Ruckzuck ist alles geputzt, sauber, Reduzierung auf das Wesentliche. In allen Belangen! Wieso packen wir unserer Rucksäcke immer so voll. Weniger ist auch auf dem Wasser mehr. Na, ich habe mal wieder meine sensible Phase. Zurück zum Bordalltag. Mutter, Ehefrau, Freundin, Sicherheitsoffizierin, Geliebte, die gute Seele an Bord. Super Köchin, Co-Skipperin und so weiter, Nicole alles in einer Person, verantwortet alles unter Deck. Von der Verpflegungsorganisation über das Wohlfühlklima bis hin zu den Mahlzeiten. Auf dem Programm steht heute zum Beispiel: Erdbeerkuchen backen, Brötchen und Baguette backen, Mettpfanne a la Nicole zum Mittag, Nachtisch vorbereiten, es ihren zwei Männern gut gehen lassen. Das volle Verwöhnprogramm! Junior pennt bis Mittag. Kommt schwer in Gang, geht erst einmal ausgiebig duschen, hängt ab, auch chillen genannt. Zwölf Stunden pro Tag lesen und/oder Hörbuch konsumieren. Abends, wenn die Eltern müde sind und in die Koje fallen, steht das Mundwerk nicht still. Aufgedreht, von 0 auf 100. Und wieder einen Zentimeter gewachsen. Das Groß werden kommt über Nacht. Ein, zwei Jahre wird das wohl noch so gehen. In diesem Jahr feiern wir aber erst einmal 15. Geburtstag an Bord. Die Frage ist nur, in welchem Hafen die Feete steigt? Und was macht HJ an einem Tag wie heute? Nichts dreht sich, nichts bewegt sich. Törnplanung, Wetterberichte via Tablet studieren, hoffen, dass der Regen nachlässt und die müden Knochen vom Teakdeck schrubben pflegen. Dazu noch hier und da nette Steggespräche mit Eignerpaaren, Logbuch schreiben, Törnberichte verfassen, lesen, Skipperfrau zur Hand gehen und fest daran glauben, dass es morgen sonnig und warm wird, der vorhergesagte, richtige Wind weht und es endlich losgehen kann. So soll es sein. Dem ersten Urlaubstag auf See steht nichts mehr im Weg.

Sonnige Grüße von Bord

HJR

Hinweis

Weitere interessante Berichte, Bilder et cetera  unter: https://plus.google.com/u/0/+SYOCEANSPIRIT/posts

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2018-04-10T09:25:26+00:006. November 2016|