Törnbericht: Amsterdam bis Cherbourg (Teil 7)

Törnbericht: Amsterdam bis Cherbourg (Teil 7)

Direkter Kurs Cherbourg

Normal sollte ich in meinem Alter neben meiner Frau im Bett liegen und kuscheln, als um 5.00 Uhr morgens nach schlecht geschlafener Nacht bei fünf bis sechs Beaufort Schlangenlinien zu segeln! Was ist das denn für ein Bockmist? Überall Stellnetze! Gut, dass es um diese Zeit langsam hell wird. Wir sind heute am Donnerstag direkt nach Cherbourg aufgebrochen. Nur heute stimmt der Wind. Somit herbstliche Stimmung in Dieppe sowie auch unterwegs nasskalt, bedeckt, diesig.

Kurs 265 Grad, direkt Cherbourg liegt an! Wind aus Nordost, in Böen bis 30 Knoten. Das wird ein langer Tag. Mein Jungster hält Wache und ich ruhe mich in der Horizontalen. Unterwegs ist eh nichts los. Wasser hinten, Wasser vorne, Wasser links, Wasser rechts, das Meer kann langweilig sein. Ich mag Küstensegeln. Das ist immer eine Augenweide, da gibt es immer etwas zu bestaunen.

Frühstück mit Junior Zuhause wäre jetzt auch angebracht. Unser „Spät-Pubertier“ hat nach seiner Abschlussprüfung schulfrei. Hat er sich auch verdient. Ab August geht es auf das Wirtschaftsgymnasium in Hannover. Das Fachabitur steht an. An dieser Stelle ganz offiziell von Bord meinen herzlichen Glückwunsch. Ich bin stolz auf dich, Junior! Da wird der Papa in die Tasche greifen müssen.

Und was machen wir so an Bord. Wir schieben auf der einen Seite etwas Frust bezüglich dem Wetter, und sind auf der anderen Seite froh über den Speed. Speed over Ground jenseits der zehn Knoten. Reffen, reffen, reffen ist angesagt. Ich möchte aber auch ankommen. Und zwar vor Mitternacht. Weit vor 0.00 Uhr!

Schotten dicht, Heizung an, wir verkriechen uns im Salon. Wenn die Böen nur nicht wären. Von 16 Knoten in 5 Sekunden auf 28 Knoten und wieder zurück. Ein Süppchen zum Mittag hebt die Stimmung, denn es gießt mittlerweile in Strömen. Das Gute daran ist, dass der Wind konstanter geworden ist. So laufen wir sehr ruhig und schnell Meile für Meile unserem Ziel entgegen. Sonst ist alles in Butter auf dem Kutter.

Um 18.00 Uhr kippt der Strom wieder – Schiebestrom, prima. Es reicht auch für heute. Ich stelle immer häufiger fest, dass situativ maximal 60 bis 80 Seemeilen am Tag reichen müssen. Tagelang auf See ist nichts mehr für den Skipper. Es ist so, alles hat seine Zeit. Über diese Erkenntnis werden sich zwei Personen besonders freuen! Sind das bereits die Vorboten eines langsam zu Ende gehenden über 20jährigen Segellebens? Ist die Reise in den Süden noch einmal das letzte Aufbäumen, bevor wir als Familie eine neue Weichenstellung vornehmen? Jetzt ist der Hobby-Psychologe gefragt.

Nun hoffe ich erst einmal, dass sich das Wetter ab Donnerstag in Cherbourg von seiner besten Seite zeigt. Mir reicht es schon wieder mit dem Regen. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir in 20 Tagen keinen Tropfen abbekommen hätten. Na ja, wir sitzen ja warm und trocken. 16 Seemeilen haben wir noch vor uns. Um 22.00 Uhr im Hafen, das wäre der Hammer!

Gute Nacht von Bord

HJR

 

2018-06-14T08:28:37+00:006. Juni 2018|