Die letzten Meilen bis Lissabon

Die letzten Meilen bis Lissabon

Das ist doch eine Nummer. Von der Hafenausfahrt mit acht Meter auf 30, 50, 75 auf über 100 Meter Tiefe. Umlaufende Winde, 1 bis 2 Beaufort, Restdünung von gestern aus Nord/Nordwest. Das wird rollig. Und wieder Stellnetze gleich Slalom. Der Traum meiner schlaflosen Nächte. Und was sonst noch so herum schwimmt. Autoreifen mit Felge, Plastikflaschen sowieso, kaputte, zerrissene Netze, Schuhe, fehlt nur noch ein 40-Fuß-Container.

Ich habe mich entschlossen, bis nach Lissabon durchzufahren. Dann habe ich noch drei Tage, bevor mein Mitsegler an Bord kommt. In zwei Häfen möchte ich festmachen. In Cascais und Olaire. Von Lissabon aus sind es dann noch zwei Tagestörns bis nach Süd-Portugal, zur Küste der Algarve. Dann weiter entlang der portugiesischen und spanischen Süd-Atlantikküste, bis in die Straße von Gibraltar. Auf Gibraltar freue ich mich. Mit unserer Ocean Spirit in dem dortigen Hafen festmachen. Das hat doch etwas. Ist alles erarbeitet, nichts geschenkt bekommen, tausend „Felsbrocken“ aus dem Weg geräumt, auch nichts geerbt. Alle Achtung Skipper! Und dann noch eine liebende, fürsorgliche Familie. In der heutigen Zeit alles nicht mehr selbstverständlich.

Der Motor brummt bis Peniche. Wir umrunden das Kap Carroeiro. Von jetzt auf nun Ostwind mit drei bis vier Windstärken. Motor aus, Segel raus. Ablandige Winde, keine Welle, null Dünung, herrlich. Wenn es so weiter läuft, laufe ich gegen 18.00 Uhr in den Vorort Cascais von Lissabon ein.

Was gibt es sonst zu berichten? Seit Mittag ist es sehr warm geworden. Etwa 25 Grad, blauer Himmel sowieso. Der Atlantik hat heute eine sehr schöne blaue Farbe. Winkende, vorbei fahrende Fischer, nur noch vereinzelt Stellnetze, und der Skipper muss sich selbst verpflegen. Meine Gourmet-Köchin ist ja nicht an Bord. So gibt es Menüs a la Rathe-Pragmatiker. Gestern paniertes Schnitzel mit Salzkartoffeln und Fleur de Sel. Heute Bratkartoffeln mit Spiegelei, dazu selbst gebackenes Baguette, gemäß Skipper-Rezept. Hm, lecker. Zum Nachtisch Milchreis mit Zimt und Zucker und später noch Weintrauben, Nektarinen und/oder ein Apfel mit Zimt bestäubt.

Wie Captain Ahab halte ich Ausschau nach Walen. Ist wohl mehr Wunsch als Realität. In der Straße von Gibraltar, und schließlich im Alboranmeer, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit signifikant, diese Meeressäuger einmal zu erleben. Na ja, mit einer Meeresschildkröte bin ich auch zufrieden.

20 Seemeilen to go. Wie heißt es doch, der Tag soll nicht vor den Abend gelobt werden. Der Wind ist weg. Segel rein, Motor an. Und es wird noch wärmer. Die Sonne brennt vom Himmel. Vor mir zwei Yachten mit dem selben Ziel. Hier auf der 60 Meter-Tiefenlinie liegen auch Fischerbojen aus. Was die hier wohl fischen? Den nächsten „Fischerman“ frage ich. Und was gibt es noch zu sehen? An Backbord Steilküste, Steuerbord Wasser, Wasser und nochmals Wasser. Ich bin jetzt auf der Höhe von den Azoren. Zwei, vier, sechs, sieben Delfine kommen zu Besuch. Zehn Minuten Bugwelle schwimmen, und weg sind sie wieder. Eine Möwenart ist besonders cool. Die fliegen kreisförmig über das Meer, steigen steil wie ein Senkrechtstarter in den Himmel, um sich punktgenau aus etwa 50 Metern mit dem Kopf zuerst gemäß Hechtsprung ins Wasser fallen zu lassen. Und das wie eine Rakete. Mahlzeit. Guten Appetit, Fisch gefangen und flatter, flatter, weg sind sie.

Das Kap da Roca voraus. Das Kap Raso folgt. Die beiden lasse ich auf Backbord, gleich ist es geschafft. Die Marina Cascais in Estoril, ein Vorort von Lissabon ist, wie bereits erwähnt, mein Ziel. Dann verhole ich mich morgen oder übermorgen in die Marina Oreias, noch etwas näher an Lissabon. Mit dem Vorortzug geht ds dann cirka 12 Kilometer nach Lissabon. Ich bin gespannt.

Schönen Abend noch von Bord

HJR

2018-10-12T11:20:18+00:0014. Oktober 2018|